Arabischer Frühling

So wie der „Arabische Frühling“ durch neue Kommunikationstechnologien geprägt war, so ermöglichte der schnelle technologische Wandel auch jungen Filmschaffenden, die Zensur zu umgehen und nicht nur einfach und billig zu produzieren, sondern ihre oftmals schnellen und aktuellen Arbeiten über das Netz zu verbreiten. Schnelle Szenen, mit dem Handy aufgenommen waren plötzlich Teil der öffentlichen Filmwahrnehmung. So wurden auch die Grenzen zwischen Dokumentarfilmen investigativem Journalismus, Fernsehen und den Arbeiten junger blogger durchlässig und fließend – und auch das Publikum, dessen „Realität“ sich in vielfältiger Weise in den unterschiedlichen Formensprachen abbildet, ist divers und entspricht nicht mehr dem herkömmlichen Bild vom „Mediennutzer“. Und es wurden Themen aus unterschiedlicher Sicht und mit unterschiedlichen Zugängen zu den Protagonisten öffentlich.

Kaum ein Film aus der Zeit des arabischen Frühlings hat es in die deutsche Filmlandschaft geschafft – sie waren eher Teil von Symposien, Seminaren und Sonderveranstaltungen zum Thema und konnten dort ihren Zeitbezug, die Reaktion auf den Moment, die Rolle als Zeitzeugnis entfalten, dem eine spätere Analyse vorbehalten bleibt. Schnelle Arbeiten, die aus dem unbedingten Bedürfnis entstanden, die Ereignisse festzuhalten und die Möglichkeiten nutzten, die neue Medien bieten, um Filme unkompliziert zu produzieren und zu verbreiten. Auch hier stand die Aktion und das Teilen und Mitteilen von Erfahrungen im Vordergrund und weniger die Analyse oder die Gestaltung des Films.

Im Filmclub Münster wurden 2012 eine Auswahl von Filmen aus Ägypten und Tunesien gezeigt, die zum größten Teil vor den Ereignissen, die als Arabischer Frühling bezeichnet werden, entstanden sind, und gerade dadurch einen vertiefenden Blick auf die Geschehnisse ermöglichen. Irit Neidhardt von mec-film hat das Programm kuratiert und auch das Vorwort mit vielen Hintergrundinformationen geschrieben. http://mec-film.de/de/media/z_regie/filmclub_arabisch_2012_programmheft.pdf

Einige Filme dieser Auswahl sind auch für die Bildungsarbeit zugänglich, Kairo 678 von Mohamed Diab (Ägypten Kairo2010, 100 min.) zum Beispiel. Darin wird die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte von Fayza, die in der Kairoer Buslinie 678 den alltäglichen Übergriffen ihrer männlichen Mitfahrer ausgesetzt ist. Als sie Seba kennen lernt, eine Frau aus der ägyptischen Oberschicht, die, nachdem sie Opfer einer Massenvergewaltigung wurde, eine Art Selbsthilfegruppe gegründet hat, und schließlich auch Nelly hinzukommt, die in einem Call-Center arbeitet und nicht länger bereit ist, sich den Belästigungen der männlichen Anrufer auszusetzen, beschließen die Frauen gemeinsam, selbst zur Tat zu schreiten. Sie sind es auch, die, allen Widrigkeiten zum Trotz, zum ersten Mal vor einem ägyptischen Gericht Anklage gegen sexuelle Belästigung erheben.

Mona ist der Titel des Films von Agnes Rossa (Deutschland, Ägypten 2008, 30 min.) und der der Name einer koptischen Christin, die in Kairo als Müllsammlerin arbeitet, um nach dem Tod ihres Mannes ihren vier Töchtern eine Schulausbildung ermöglichen zu können. Der Tagesablauf verdeutlicht die Stellung der Kopten in der ägyptischen Gesellschaft, aber auch die Rolle der Frau, die nur bedingt von der Religionszugehörigkeit bestimmt ist.

Zwei Filme des tunesischen Regisseurs Nouri Bouzid stehen ebenfalls für die Bildungsarbeit zur Verfügung. In Making of – Kamikaze (Tunesien 2006, 115 min.) beschreibt er den Weg eines jungen Mannes vom aufmüpfigen Breakdancer zum Selbstmordattentäter. Nouri Bouzid zu seinem Film: „Der Film behandelt nur eine von mehreren Erklärungen (warum es Terrorismus gibt) und gibt eine Antwort, die tief in eine Ideologie eintaucht, deren Methode die Gehirnwäsche ist. Ich habe versucht, jede Art von Karikatur zu vermeiden und zu zeigen, wie die Fundamentalisten wirklich sind: Beängstigend ruhig und stark durch ihre Überzeugungen und ihre Absicht Angst zu verbreiten. Der Film gibt ihnen das Wort, bis erkennbar wird, dass sie nur blinde Gewalt hegen und organisieren. Meine Art sie zu denunzieren ist, ihre Methoden zu erforschen.

In Puppen aus Ton (Frankreich, Tunesien 2003, 85 min.) befasst er sich mit dem Schicksal von Jungen und Mädchen, die aus Not von ihren Eltern als Hausangestellt in die Stadt geschickt werden …

PuppenMit der Frage, welche Rolle Filme während und nach Revolutionen haben – und was man von „Revolutionsfilmen“ erwarten kann, beschäftigt sich Irit Neithardt von mec film in einem Artikeln, der im Rahmen eines Symposiums des Goethe Instituts in Kairo erschienen ist. Darin erläutert sie, dass „ein grundlegendes Merkmal von revolutionären Filmen der antikolonialen Befreiung die Selbstvergewisserung und Wiederaneignung der eigenen Kultur nach endlosen Jahren der Fremdbestimmung ist. Sie sind Filme des Suchens und der Bestandsaufnahme. Sie muten an wie ein neuer Spiegel, dessen Reflexion noch der Einordnung bedarf. Viele Protestierende auf dem Kairoer Tahrir-Platz sahen hierin die enorme Bedeutung der Videos von sich selbst, die sie auf Großleinwände im Protestcamp projizierten.“
www.goethe.de/ins/eg/kai/kul/mag/fif/dok/de11802354.htm

Unter dem Titel: Einer aus Berlin, bei dem man an Kairo denken muss zieht hier auch der ägyptische Journalist Wafaa Al-Badry einen charmanten Vergleich zwischen Niko Fischer, dem Protagonisten aus dem mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Film Oh Boy von Jan-Ole Gerster (Deutschland 2012, 83 min.) und den jungen Leuten in Kairo – auch dies eine Möglichkeit, sich dem Thema über Filme zu nähern …
www.goethe.de/ins/eg/kai/kul/mag/fif/dok/de11827211.htm

Ausführliche Informationen zu den hier genannten Filmen, sowie eine Auswahl verwandter Themen finden Sie in der Datenbank.

Schreibe einen Kommentar