Fair Trade, Lieferketten, Welthandel

Im September letzten Jahres wurde die „Initiative Lieferkettengesetz“ von einem breiten Bündnis von Menschenrechts-, Entwicklungs- und Umweltorganisationen, Gewerkschaften und Kirchen gegründet. Damit soll die Bundesregierung aufgefordert werden, ein Gesetz zu erlassen, das deutsche Unternehmen für Verstöße gegen Menschenrechte und Umweltstandards haftbar macht. Sie wendet sich auch gegen Kinderarbeit und fehlenden Arbeitsschutz in Fabriken wie in Bangladesch oder Pakistan, die auch für deutsche Firmen produzieren. Diese können vor deutschen Gerichten nicht geahndet werden, da weiterhin auf Freiwilligkeit deutscher Unternehmen bei der Einhaltung von Menschen- und Arbeitsrechten gesetzt wird. Auch mangelnder Umweltschutz, der zu Katastrophen wie die bei einem Dammbruch in Brasilien führten, sollen zukünftig gerichtlich verfolgt werden können. Die „Initiative Lieferkettengesetz“ fordert, dass Betroffene vor deutschen Gerichten Entschädigung einklagen können, wenn ein Unternehmen seinen Verpflichtungen nicht nachkommt.

Der Film „Todschick – die Schattenseite der Mode“ von Inge Altemeier greift dieses Thema auf und fragt, warum noch immer ArbeiterInnen in Billiglohnländern für die Produktion eines T-Shirts sterben müssen. Er stellt aber auch ein Gesetz aus Frankreich vor, nach dem europäische Unternehmen juristisch belangt werden können, wenn ihnen Menschenrechtsverletzungen in ihren Produktionsbetrieben nachgewiesen werden können, ein weitreichender Akt, der maßgebliche Impuls für die deutsche Initiative beinhaltet.

Über die Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie klärt auch der Film „The True Cost“ von Andrew Morgan auf, indem interessante Fakten über die „wahren“ Kosten unsere Billig-T-Shirts, was Rohstoffe und Produktion angeht, erläutert werden.

Der kurze Spielfilm „Geheime Werkstätten“ von Catalina Molina greift die Lebensbedingungen in einem argentinischen Sweatshop am Beispiel der jungen Bolivianerin Juana auf, die dort illegal für den Unterhalt ihrer Familie arbeitet. Als sie erfährt, dass ihr kleiner Sohn, den sie zurücklassen musste, krank ist, steht sie zwischen der Entscheidung, sofort zurückzukehren – damit aber auch auf ihren Lohn, der für seine Behandlungskosten nötig ist, zu verzichten.

Für Menschen und Umwelt gleichermaßen schädliche Arbeitsbedingungen sind mittlerweile aus der Elektroindustrie geläufig, führen aber keineswegs zu einem verantwortungsvollen Handeln. Der Film „Death by Design“ von Sue Williams führt diese Verbindung eindrücklich am Beispiel der Produktionsbedingungen in Silicon Valley vor. Nachdem sich Gesundheitsschäden und Klagen dort nicht mehr ignorieren ließen, wurde die Produktion nach China verlagert – um dort die gleichen Schäden zu hinterlassen.

Auf die fatalen Folgen der Elektroindustrie gehen auch die Filme der DVD „Digital – Mobil – und fair?“ ein, in denen auch auf die Gewinnung der wichtigen Rohstoffe, die zum größten Teil aus Ländern des Globalen Südens kommen, hingewiesen wird. Lithium spielt zum Beispiel eine wichtige Rolle – dies wird auch in dem Film „Die Lithium Revolution“ von Andreas Pichler und Julio Weiss thematisiert und steht im Mittelpunkt des kurzen Dokumentarfilms „Oro Blanco“ von Gisela Carbajal Rodríguez. Die Hochebene der Salinas Grandes in Argentinien birgt eines der größten Lithiumvorkommen der Welt. Um es abzubauen wird das letzte Süßwasser der Wüste benötigt und dafür von Konzernen in riesige Becken gepumpt. So bedroht der Rohstoffhunger der Batterieindustrie die Hirten und die traditionelle Salzgewinnung der indigenen Kolla und Atacama, deren Lebensgrundlage langsam schwindet.

Ein Bewusstsein über diese Zusammenhänge ist wichtig, um eigenes Konsumverhalten immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Und wie wichtig der Unterschied sein kann, den der Faire Handel für Produzentinnen und Produzenten in Ländern des Globalen Südens macht, wird am Beispiel von Kakao in dem kurzen Film „Fair handeln – Kakao aus der Elfenbeinküste“ deutlich. Schauspieler Hannes Jaenicke begibt sich darin auf die Spuren der Grundlage von Schokolade und deren Herstellungs- und Handelsbedingungen, indem er uns sehr konkret am Leben einer Kakaobäuerin und ihrer Familie teilhaben lässt.

So haben die persönlichen Entscheidungen zwar Konsequenzen, können aber gesetzliche Grundlagen wie die eines Lieferkettengesetzes oder einer gerechten Weltwirtschaftsordnung nicht ersetzen.  In dem Film von Jean-Pierre Carlon „Der Preis der Schulden – Die neue Abhängigkeit Afrikas“ ist es der kongolesische Wirtschaftswissenschaftler und Koordinator der Initiative „Neue Entwicklungsalternativen“, Victor Nzuzi, der diesen Zusammenhang erläutert. Seit den 1970er Jahren haben internationale Großmächte und multinationale Unternehmen zahlreiche Länder Afrikas durch ein kompliziertes Schuldensystem in neue Abhängigkeiten gebracht und einen Wirtschaftskolonialismus geschaffen, der im Kongo zum Beispiel bedrohlichen Situationen beim Ressourcen- und Rohstoffmanagement führt.

Milo Rau bringt dies in seinem Film „Das Kongo Tribunal“ auf den Punkt. Der Film durchleuchtet anhand eines Tribunals im Ostkongo (Mai 2015) und in Berlin (Juni 2015) die Gründe und Hintergründe für den seit bald 20 Jahren andauernden Krieg im Gebiet der Großen Seen. Dabei entsteht ein erschütterndes und analytisch tiefgründiges Tableau der neokolonialen Weltordnung. Ausgelöst vom ruandischen Genozid 1994, hat der aufgrund der direkten oder indirekten Verwicklung aller Großmächte unserer Zeit auch als „Dritter Weltkrieg“ bezeichnete Kongo-Krieg bereits bis zu 6 Millionen Tote gefordert. Viele BeobachterInnen sehen in ihm nicht nur einen Kampf um die politische Vorherrschaft in Zentralafrika, sondern zugleich eine der entscheidenden wirtschaftlichen Verteilungsschlachten im Zeitalter der Globalisierung. Mag die Zahl der beteiligten Rebellenheere undurchschaubar sein – noch undurchschaubarer sind die in den Nachschublinien wirkenden Waffenhändler, die Rolle ausländischer Diplomaten und humanitärer Hilfswerke, aber auch die Verwicklungen multinationaler Minengesellschaften. Weitere Information: Real Ficition Filmverleih

Vor 13 Jahren wurde vor Ghanas Westküste ein neues Ölfeld entdeckt. In der Langzeitdokumentation für die Deutsche Welle „Oil Promises – Ghanas Traum von Schwarzen Gold“ (2020, 2 Teile à 42 Min.)  begleiten Elke Sasse und Andrea Stäritz Menschen in drei Fischerdörfern, die sich viel von dem versprochenen Aufbruch in ihrer abgelegenen Region erhofft hatten. In ihren Animationen zeigt die nigerianische Künstlerin Ebele Okoye immer wieder die Veränderungen, die nie eingetreten sind und in Kontrast zu den Verschlechterungen stehen, denen die Menschen ausgesetzt sind. Denn kurz nachdem Ende 2010 Öl an Ghanas Westküste gefördert wurde, zerstörte eine Algenplage die Netze der Fischer. Die Dorfbewohner vermuten, dass die Industrie Schuld daran trägt. Geld für neue Netze gibt es nicht und von dem versprochenen Ölreichtum ist wenig in den betroffenen Dörfern angekommen. Dem Dorfvorsteher Togbe Madugo kamen schon früh Zweifel an den großen Versprechen, denn das Land, auf dem sein Fischerdorf liegt, wurde für das geplante Luxus-Hotel „Princes Town Resort“ ohne die Zustimmung der Bevölkerung verkauft. 2012 wurde zwar das Gelände für die neue Gas-Aufbereitungsanlage geebnet, doch erhielt das chinesische Unternehmen Sinopec den Auftrag, die Onshore-Pipelines und die Gasfabrik zu bauen. Sie brachten ihre eigenen Arbeiter mit, so dass auch die versprochenen Arbeitsplätze hinfällig wurden. Der Strand von Togbe Madugos Dorf ist inzwischen nicht nur von Algen, sondern auch von Müll übersät. Denn der Abfall der Bohrinseln wandert über das Meer direkt zu ihnen.

Raoul Peck findet in seinem filmischen Essay „Profit, nichts als Profit“ für seine teils ironischen, teils polemischen und wütenden Attacken gegen einen zum Dogma erhobenen Wirtschafts-Liberalismus eindrucksvolle Bilder. Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt, dient Raoul Peck als Fallbeispiel, um aus der Perspektive der Kleinstadt Port-à-Piment auf Dekolonisation und Globalisierung zu blicken. In der eigenwilligen Verbindung von Text und Bild wird für die ZuschauerInnen die vermeintliche Normalität von dem Postulat der Kapitalakkumulation als höchst fragwürdiger Akt demontiert.